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Drachenzeit

Drache 1 (Prolog)

ein Prolog, dass ist so ein Text, der auf das folgende einstimmen und ein paar Dinge vermitteln soll.
Meist wird ein Prolog geflissentlich ignoriert, um gleich mit der Handlung einzusteigen.
Kann man so machen, ist dann halt … suboptimal.

"Metapher" murmelte der Drache und sein Tonfall verriet Ärger.
"Mythologisches Wesen, schön und gut. Nichts dagegen. Sollen sie doch. Aber "Metapher", das geht zu weit. Eindeutig."

Er - Drachen sind immer männlich - breitete seine Schwingen aus, knurrte laut und spie etwas Feuer. Was nichts weiter einbrachte als seinem Ärger ein wenig Luft zu machen.
Im Umkreis von mehreren Meilen war das Land bereits versengt, und kein lebendes Wesen war übrig. Von ein paar Raben abgesehen, die vorwitzig oder unbedacht die Gelegenheit nutzten, eine warme Mahlzeit zu bekommen.

"Die sind wahrscheinlich auch metaphorisch" dachte der Drache und war versucht, aus dem metaphorischen Gefieder gebratenes Gefieder zu machen. Rein aus Ärger.
"Vielleicht sind sie aber nur folkloristisch, die Raben " dachte er dann, und ein wenig versöhnte ihn das. Folkloristisch, das ist so etwas wie der zweite Platz im Wettbewerb der Verlierer.

Immerhin hatte der Ärger auch seine gute Seite, der Dache war so wirklich wie schon lange nicht mehr, wirklich genug, um Verderben und Zerstörung über diesen Umkreis zu bringen, und das tat ihm gut:
Viel zu lange hatte er sich zurückgehalten, und, das musste er sich eingestehen, auch deswegen hatte der Abstieg begonnen.

Damals … damals war er echt und wirklich und hatte Angst und Schrecken verbreitet, ohne groß darüber nachzudenken. Herrliche Zeiten, wenn auch …
Langweilig, auf die Dauer.
Ernsthaft langweilig. Die wenigen intellektuellen Herausforderungen damals hätte eine Amöbe gemeistert, oder ein Wurm - beides Wesen, die nie in Gefahr standen, als mythologisch oder gar folkloristisch gedemütigt zu werden - und das war furchtbar für einen Drachen, dessen mentale Kapazität es mit der der Göttern hätte aufnehmen können.
Wenn der Drache nur an Götter geglaubt hätte.

Damals hatte er angefangen, mit anderen Wesen zu sprechen, zunächst bevor, später anstatt diese zu grillen, und das war der Anfang seines Niedergangs: Wenn man nicht mehr präsent ist, keine Ortschaften niederbrennt und desgleichen, und stattdessen nur in den Berichten einzelner Intellektueller stattfindet, wird man ganz schnell … eben mythologisch.
Eine schreckliche Sache.

Mythologisch, dann mystisch - was schon eine erheblich Abwertung ist - und schließlich metaphorisch. Unwirklich.
Nicht lange, und es gibt Berichte von goldenen Weisheitsdrachen und Kuscheldrachen und putzigen kleinen Drachelchen, die …
… an die niemand mehr glaubt, nicht einmal die Kinder.

Trübsinnig sah der Drache in die Runde.
Raben - folkloristische Raben, der nächste Abstieg - flatterten umher und suchten nach Gebratenem, der Himmel war blau und weiß und ärgerlicherweise hatte das verbrannte Land eine sonderbare, obzwar düstere, so doch beinahe anheimelnde Atmosphäre, wie eine Szenerie in einem Buch.

"Schwere Zeiten für unsereins " dachte der Drache bekümmert.
"Zeit, etwas zu unternehmen."

Drache 2 (Evolution)

In den guten alten Zeiten, als Helden noch richtige Helden und Königstöchter noch richtige Königstöchter und …
Aber egal, die Zeiten waren nicht wirklich gut, und sie sind vorbei. Mehr oder weniger.

Der Drache hockte vor seiner Höhle und dachte … nicht. Einerseits, weil denken nicht zu den Kernkompetenzen reptiloider Wesen gehört und auch keine besondere Freude machte, andererseits, weil er bereits alles gedacht hatte, was zu denken sich angeboten hatte.
Immerhin saß er schon recht lange hier, seit Anbeginn. Von was auch immer.
Das ist, so oder so, eine ausreichende Zeitspanne, um genug gedacht zu haben.
Dachte der Drache.
Nicht.

Er dachte nicht daran, sich in die Höhle zurückzuziehen, weil es darin kaum noch Platz gab: Seit Äonen waren immer wieder Individuen dieser seltsamen, zweibeinigen Wesen erschienen und hatten Dinge dort abgelegt, Dinge aus einer schweren, glänzenden und vollkommen ungenießbaren Substanz.
Gold, nannten die Wesen das, und Hort nannten sie den Haufen unnützes Zeug, und ernsthaft, es lohnte sich nicht, darüber nachzudenken.
Unfug.

Alle paar Jahrzehnte kamen auch andere Individuen, in Gruppen, weinten laut und wehklagten, bis eins der Wesen sagte, "es müsse sein", worauf sie eines der ihren an den Felsen ketteten und betrübt abzogen.
Warum auch immer.

Das angekettete Wesen weinte dann lange, flehte und schluchzte laut, und nach einiger Zeit erschien zuverlässig ein Artgenosse, in Blech gekleidet und mit scharfen Dingen ausgestattet und versuchte, den Drachen zu verletzen.
Was er nicht sehr mochte.
Verständlicherweise.

Der Haufen von rostendem Blech in der kleinen Schlucht zur Linken wuchs eins ums andere Mal, aber erst, wenn das angekettete Wesen endlich verstummt und vertrocknet war, hörten diese Besuche auf.

Nein, es lohnte wirklich nicht, darüber nachzudenken. Unfug.
Der Drache hatte es versucht, ganz ernsthaft, und er hatte sogar im Verlauf mehrerer Jahrhunderte die Sprache der Wesen gelernt, von einem Dutzend oder zweien dieser "Königstöchter".
Und hatte gefragt, was diese Sache vorstellen sollte. Dieses Anketten und Weinen und die "Ritter", die ihren "Schwertern" Namen gaben und dachten damit ihn, den Drachen, verletzen zu können.
Verstanden hatte er die Erklärungen nicht.

Exalibur, Letztes Argument, Langundscharf waren die Namen der Schwerter, Berserkerfreund und Hauihnum. Früher. Und Psychoanalyse, Gruppentherapie und Rathiopharm, in letzter Zeit, und allesamt landeten sie mit den Rüstungen in der Schlucht.
Auf die Dauer würde es wirklich langweilen, wenn man darüber nachdächte - was der Drache eben darum nicht tat.

Der Drache wollte nicht hier hocken, es hockte einfach da. Drachen machen das so, genau wie diese "Menschen" einfach Gold in die Höhle warfen und ihre Töchter an den Felsen ketteten und dann zu befreien suchten.
Spass hatten sie wohl nicht daran.

Die angekettete Königstochter weinte ein wenig, und ja, hinten im Wald rührte sich etwas - es war mal wieder so weit. Ein Ritter.
Dachte der Drache, und irrte sich.

Ein junger Mann trat auf die Lichtung, lehnte ein Ding aus Metall mit Rädern an einen Baum und legte den Helm ab. Der nicht aus Eisen gefertigt war.
"Hallo!" sagte der Jüngling. "Verstehst du mich?"

"Ich spreche deine Sprache, Mensch. Aber "verstehen" … nein. Nicht wirklich."

"Na gut, dann … also, Drache, ich möchte gern die Königstochter hier retten. Von der Kette befreien und mitnehmen, weißt du? Weil, dann bekomme ich das halbe Aktienpaket ihres Vaters und ein iPhone und außerdem ihre Hand - also, genaugenommen nicht nur die Hand, sondern …"

"Ich weiß, was eine Methapher ist, Mensch. Schon gut. Aber …"

"Aber was?"

"Sag mir, Mensch, wie heißt dein Schwert? Wo ist dein Pferd, wo deine Rüstung? Und, warum hast du deinen Helm abgenommen?"

"Ach, Drache … ehrlich mal: Ein Schwert, dass ist doch sowas von Mittelalter - und es hat noch nie funktioniert, bei Drachen. Und Pferde - mein Bike hat sechundzwanzig Gänge, elektrische Tretunterstützung und ist ein Meisterwerk der menschlichen Ingenieurskunst - warum sollte ich da mit antiquierten Waffen und Verhaltensmustern daherkommen?
Und es ist einfach unhöflich, den Kopf bedeckt zu lassen, wenn man einen Raum betritt."

"Oh? Ihr habt euch entwickelt? Wie schön! Dann nimm sie halt mit, deine Prinzessin, und alles Gute. Viel Spass!"

"Danke, Drache, aber …"

"Ja?"

"Sie ist angekettet, die Prinzessin, und … ähm …"

"Ja, Mensch. Angekettet ist sie, mit einer gar furchtbaren Kette an diesen Felsen - nur, das habe nicht ich getan, und den Schlüssel besitze ich auch nicht. Sorry.
Ich verschwinde jetzt, mein Guter, und du schaust zu, wie du die Ketten löst. Einverstanden? Und dann, bitte: Nimm diesen Hort doch mit, wenn du gehst."

So sprach der Drache und verdunstete, und der junge Ritter stand ziemlich verwirrt vor der Höhle und wusste nicht weiter.

Drache 3 (Grenzen)

Zugegeben: Es gibt einen Haufen Probleme in der Welt. Drängende, existenzielle Probleme.
Und es gibt Leute, die sich darum kümmern, aus Verantwortungsbewusstsein und … so.

Über dem Königreich schwebte ein Drache. Still und ohne Flügelschlag folgte seine Bahn der Grenze des Reiches, ein um das andere Mal.
Es war kein großes Königreich, und ein eher unbedeutendes außerdem, verfügte weder über Bodenschätze noch über eine besondere strategische Lage oder sonst irgendwelche Vorzüge.
Niemand wusste, was den Drachen bewegte, den Grenzverlauf dieses Reiches abzufliegen, Tag für Tag zu jeder vollen Stunde.

Die Menschen in der Hauptstadt wussten von dem Reptil am Himmel, obwohl sie es nur selten zu Gesicht bekamen: Niemals flog der Drache ins Landesinnere, und die Entfernung war gerade groß genug, um ihn zu einem kleinen Fleck am Himmel zu schrumpfen, aber er war da.

Die Bewohner der Reiches dachten, der Drache beschütze die Grenze vor Invasoren, und tatsächlich schickte sich nie ein Nachbar an, das Königreich zu erobern.
Die Menschen waren zufrieden. Bis sie auf den Gedanken verfielen, der Drache wolle möglicherweise verhindern, dass sie selbst eines der Nachbarreiche eroberten.

Nicht, dass man im Entferntesten daran gedacht hätten: Keiner der Nachbarn bot ein lohnendes Ziel für eine Eroberung, und das Herrscherhaus hatte gerade eben genug damit zu tun, über das kleine Reich zu herrschen. Trotzdem, der Gedanke blieb.

Das Risiko einzugehen und einen Versuch zu wagen traute man sich nicht, denn Drachen, wie man weiß, können gar schreckliche Gegner sein. Also, meinte man, müsse man mit äußerster Vorsicht agieren, sich vorbereiten, und bis dahin, natürlich, den Drachen bei Laune halten.
Denn schließlich wäre man diesem schutzlos ausgeliefert, sollte man seinen Unwillen wecken.

Ganz im Geheimen fing man also an, den Drachen zu studieren, um Schwachstellen zu entdecken, Strategien und Waffen zu entwickeln ihn zu besiegen, nur für den Fall.
Und zugleich entwarf man Konzepte, den Drache wohlgesonnen zu stimmen.

Das kostete natürlich Geld, viel Geld: Beobachter und Analysten mussten angestellt, Ingenieure ausgebildet und Waffenschmieden errichtet werden, Drachenkundler waren vonnöten und Drachenfutter.
Gar nicht einfach für ein kleines Königreich ohne besondere Ressourcen.

Ein eigenes Ministeramt wurde geschaffen und nahm unverzüglich die Arbeit auf, nachdem durch ein Notfall-Dekret die Steuer erhöht worden war.
Dies diente ja zur Wohlfahrt des Volkes, und niemand murrte - auch, um nicht fälschlicherweise als Drakophiler angesehen zu werden.

Zudem bot die Angelegenheit ja auch Chancen: Wer ein wenig begabt war konnte einen Posten in dem Ministerium erlangen und beispielsweise Akten anlegen, Notizen kopieren oder auch Botendienste verrichten, was weniger anstrengend war als der Anbau von Bohnen und besser bezahlt außerdem.

Wer stark war, konnte sich von der Drachenabwehrbrigade rekrutieren lassen, und forschende Geister durften mit einem stattlichen Salär rechnen, wenn die den Drachen gründlich studierten.

Was einfach war: Pünktlich wie ein Uhrwerk zog der Drache seine Bahn an der Grenze des Reiches, zu jeder vollen Stunde.

Schmiede entwickelten Dinge, die im Kampf gegen den Drachen von Nutzen sein könnten, und das Ministerium belohnte diese Bemühungen, indem es haufenweise Schuppenpicker und Krallenschnallen kaufte, für mehr Geld, als die Bauern für einen Pflug anzulegen imstande waren.

Das Volk murrte dann doch, weil Bohnen so teuer wurden, aber es murrte über den Drachen und forderte dessen Beseitigung.
So bestätigt erweiterte der König die Befugnisse des Drachenministers, der seinerseits die notwendigen Mittel durch die Einführung einer weiteren Steuer aufbrachte und zudem jeden Mann im achtzehnten Jahr zum Dienst verpflichtete.
Was den Drachen nicht sonderlich beeindruckte, wenn er denn überhaupt Kenntnis davon erlangte: Er flog weiterhin zu jeder vollen Stunde um das Reich, ohne den Blick zu senken.

Mit der Erfindung der Feuerwaffen, einer Glanzleistung der Drachenabwehrforschung, waren Schuppenpicker und Krallenschnallen natürlich veraltet und mussten umgehend ersetzt werden, um die Sicherheit zu garantieren, was teuer genug war. Teuer genug für eine weitere Steuer.
Und zugleich mussten Kredite aufgenommen werden bei den Nachbarn, um die Lebensmittelimporte zu finanzieren, da die Produktivität der Bauern schon lange nicht mehr ausreichte, um das Volk zu nähren.
Unnütze Bewohner wurden als Sklaven verkauft, und Drachenfreunde, die gegen diese Maßnahmen auftraten, eingesperrt.

Schlußendlich erhob sich das hungernde Volk, brach die Vorratshallen auf und legte Feuer an das Schloss, und die Dragoner feuerten in die Menge. Ein Feuersturm ging durch das Land und hinterließ verbrannte Erde und Elend.

Schon ein einziger Drache, so steht es in den Geschichtsbüchern, kann ein ganzes Land vernichten.

Drache 4 (Reden hilft)

manchmal gibt es aufregend neue Ideen, wie man mit alten Problemen umgehen kann.
Und einige dieser Ideen sind so aufregend neu, dass sie im alten Testament noch nicht erwähnt wurden.

Drei Recken erreichten eine Lichtung nahe der Höhle.
Nach tagelangem Ritt dachten sie, hier zu lagern und die Waffen zu schärfen, um ausgeruht und frisch am Morgen den Kampf aufzunehmen.
Ein kluger Plan.

Ebenso klug war die Idee, den Schauplatz zunächst in Augenschein zu nehmen, um vor Überraschungen gefeit zu sein. Meinte jedenfalls der jüngste der Recken, während die beiden erfahrenen Kämpen spotteten. Was für Überraschungen sollte das Vieh schon bereithalten?
Eine Höhle, ein Hort und eine Prinzessin in Ketten, was denn sonst?

"Es ist eine Inschrift über der Höhle", berichtete der Jüngste. "Da steht "Loquitare curat", in Frakturschrift."

"Und?" fragte der Mittlere, "was soll das bedeuten?"

"Das ist die alte Sprache, und ich glaube, es lässt sich übersetzen mit … "reden hilft". Oder …"

"Drachenscheiße " knurrte der Älteste, "Ich will schlafen, da hilft es, wenn ihr die Klappe haltet."

Also schwiegen alle drei und am nächsten Morgen, nach einem nicht zu schweren Frühstück, gingen sie ans Werk. Einer nach den anderen, denn eine einzige Prinzessin war zu gewinnen, und ein einziger Held nur konnte siegen.
Natürlich hatte der Älteste das erste Recht, weil er erfahren war und in vielen Schlachten gestählt, und außerdem auch stärker als die beiden anderen.

Der Recke trat auf die Lichtung, zückte sein Schwert und hielt die Lanze bereit, die Prinzessin gewahrte ihn sogleich und rief "Oh, du mein Held" und der Drache hob den Kopf und schnaufte.
Worauf der Recke in ein Häufchen Asche zerfiel, die Prinzessin seufzte und der mittlere Held den Jüngsten ansah:
""Reden hilft" also steht über der Höhle? Der alte Starrkopf wollte ja nicht hören. Ich gehe jetzt und besiege das Vieh, und nachher mache ich dich zum Kanzler, weil du geholfen hast."

Und er ging los, mit Schwert und Lanze und als die Prinzessin "Oh, du mein Held" rief, da sagte er "Hallo, Süße ", und zum Drachen "Du Kreatur bist dran, denn ich …" und dann verglühte auch dieser Held.

Der Jüngste hatte alles das beobachtet und dachte nach.
Und weil es nicht an erster Stelle bei der Ausbildung zum Helden steht, das Nachdenken, brauchte er damit bis zum Abend.
Dann trat er vor, das Schwert in der Scheide, die Lanze auf den Rücken geschnallt und den Helm unter dem Arm.

Die Prinzessin schaute ihn an, zuckte die Schultern und schwieg.
"Hallo, Drache" sagte der junge Held, "Ich würde gerne etwas wissen."
Der Drache hob den Kopf und antwortete mit einem Nicken.

"Also," sagte der Held, "über deiner Höhle steht, dass Reden hilft, richtig?"
Wieder nickte der Drache.

"Und weil der Älteste nicht redete, hast du ihn verbrannt, na gut. Aber dem zweiten hat es nicht geholfen, das er sprach - obwohl, ich meine, dass Drachen nicht lügen dürfen?"
Den letzten Teil sagte er ganz vorsichtig, um das Reptil nicht zu reizen.

"Es sprach, ja - aber er sprach doch nicht mit mir, der Kerl. Das war eine Drohung, nicht mehr. Verstehst du?"

Der junge Ritter nickte. Das war so ungefähr, was er sich schon gedacht hatte, und dieser Umstand gab ihm Mut.

"Bitte, Drache - es ist so: Ich würde ganz furchtbar gerne die Prinzessin da befreien, und weiß nicht recht, wie ich das anstellen soll. Weil, du kannst Feuer atmen und besitzt einen undurchdringlichen Schuppenpanzer und all das. Da weiß ich nicht weiter."

"Hmmm. Schwierige Frage. Hmmm." murmelte der Drache. "Aber vielleicht kannst du mir helfen? Und als Gegenleistung lasse ich dir die Prinzessin?"

"Deal!" rief der Held, "Ähm, ich meine natürlich: So soll es sein, edler Drache, und Dank!"

"Also gut, Mensch: Ich weiß es nicht und will es erkennen, und es bewegt mich sehr: Sag mir, was ist der Unterschied zwischen den europäischen Schwalben und den afrikanischen? Ich rätsele seit Äonen …" sprach der Drache, und wenn er kein Drache gewesen wäre, hätte er ein feines Lächeln sehen lassen bei diesen Worten.

Tja, nun war es heraus. Ein Rätsel. War ja klar, oder? Und noch dazu eines, dass gar keine Lösung haben konnte, wenn man die Sache vernünftig betrachtete: Alle Schwalben nisten im Norden und überwintern im Süden und es gibt einfach keine Unterschiede … keine äußerlichen … also …

Der Jüngling richtete sich auf und rief: "Ganz einfach! Die afrikanische Schwalbe fliegt im Herbst nach Hause, die europäische im Frühjahr!"

An dieser Stelle hätte der Drache nun wirklich gelächelt, wenn er dazu imstande gewesen wäre. Stattdessen sagte er sanft: "Du bist klug, mein Junge, sehr schön … vielleicht sogar klug genug. Hier ist der Schlüssel, und viel … Weisheit wünsche ich dir. Dann winkt dir Glück."

Der Recke nahm den Schlüssel aus der Klaue des Drachen, bedankte sich artig und schritt stolz erhobenen Hauptes zur Prinzessin, um deren Fesseln zu lösen.
"Das war jetzt überhaupt nicht heldenhaft, du Weichei", sagte das Mädchen, "wie willst du da Vaters Königreich regieren und Schätze erobern?".

Da drehte der Ritter sich um, gab dem Drachen den Schlüssel zurück und ging ins nächste Dorf, wo er Schwert und Lanze verkaufte, ein liebes Bauenmädchen fand und freite, und wenig später war er dort Bürgermeister. Und hatte ein liebendes Weib und strahlende Kinder und war zufrieden.

Nur ab und zu schaute er traurig den Recken nach, die immer mal wieder durch den Ort zogen um den Drachen zu besiegen und keinen Rat annahmen von einem Bauerntölpel.
An solchen Tagen fütterte er die Schwalben, die einheimischen wie die fremden ohne Unterschied.

Drache 5 (Damals)

Nostalgie ist eine feine Sache.
Wenn man weit genug weg ist.

Der Recke lenkte sein Ross durch die schmale Schlucht, die vertraut und fremd war, auf dem Weg nach Gestern.
Vertraut, weil er tausendmal hier entlanggekommen war, jeden Stein, jeden Felsen kannte, jede Biegung des Weges und jede Engstelle, und fremd, weil die Bäume gewachsen waren, die er zuletzt als Schösslinge gesehen hatte, und von den alten Bäumen etliche fehlten.
Aber der Weg, die Schlucht selber war die gleiche, immer noch. Bis auf …

Auf dem Felsen bei der Kehre hockte etwas. Etwas großes, grünbunt schillerndes.
Ein Drache.
Und der war neu.
Dachte der Recke.

Der Drache hob den Kopf, reckte den Hals und schaute dann nach unten, wo der Recke reglos auf seinem Ross verharrte.
"Hallo" sagte er.

"Hallo!" erwiderte der Recke mit fester Stimme, denn er hatte gar keine Angst. Gewiss, dieser Drache war ziemlich groß, aber in seiner Laufbahn als Held hatte er es mit Schlimmerem zu tun bekommen. Dieses Exemplar hatte nur einen einzigen Kopf, die Klauen waren nicht länger als einen halben Meter und - genau - die Flaumbehaarung um das Maul herum zeigte, dass es sich nicht um eine feuerspeiende Drachensorte handeln konnte.

"Du musst an mir vorbei, wenn du nach Gestern willst, Recke." sagte der Drache. Nicht mal in drohendem Ton, nur eine einfache Feststellung.

"Und du willst mich daran hindern?" fragte der Recke. "Na dann …"

"Nein. Hindern will ich dich nicht."
"Aber?" fragte der Recke und lockerte das Schwert in der Scheide.
"Aber ich sitze hier, und der Weg ist eng. Du musst mich berühren, Recke. Wenn du vorbeiwillst."

"Warum sitzt du dort? Und warum machst du nicht einfach etwas Platz?"
"Weil ich auf dich warte."
"Aha. Nun, schön … ich habe ein Schwert und eine Lanze und ein wildes Ross und du … du erschreckst mich nicht. Du hast ja nicht einmal Feuer. Also, gib den Weg frei. Sonst."
"Nein," flüsterte der Drache, "das tue ich nicht. Trotz Schwert, trotz Lanze und trotz Mut. Weil ich nicht kann."
"Schlecht für dich, Drache. Dann eben. Aber vorher: Sag mir deinen Namen, damit ich mich an einen besiegten Drachen erinnern kann. Danke."

Der Drache schaute den Recken an, und es schien diesem, als blickte er traurig. Was nichts heißen muss, da die Mimik von Reptilien nicht sehr ausdrucksstark ist und ihre Gefühlswelt unergründlich.
"Mein Name, Recke, lautet "Früher". Und richtig, ich habe kein Feuer. Nur Erinnerungen, deine Erinnerungen. Weißt du noch …?"

Aber da hatte der Recke bereits das Schwert wieder fest zurückgesteckt, und trotz der Enge der Schlucht war es ihm gelungen, das Pferd zu wenden und nun galoppierte er davon, weiteren Heldentaten entgegen.
An anderen Orten und mit weniger fürchterlichen Gegnern.

Ein weiser Held weiß, wann sein Schwert zu kurz und zu stumpf ist.

Drache 6 (Herrenabend)

Wir werden alle nicht jünger, und ab und zu eine Auszeit braucht es einfach. Und das ist ja jedem vergönnt.
Sogar Helden.

Sorgsam achtete der Held darauf, dass niemand ihm folgte. Er hatte es ausdrücklich verboten, wegen der Gefahr, war aber nicht sicher, ob der Knappe sich an die Anordnung halten würde - der Junge war in einem schwierigen Alter, begierig sich zu beweisen, aber noch lange nicht so weit …

Der Held lauschte angestrengt, musterte misstrauisch die Umgebung und fand nichts, was ihn hätte beunruhigen können.
Also trat er auf die Lichtung, schritt zu der Höhle und rief nach dem Drachen.

"Momentchen! Bin gleich soweit …"
Der Held setzte sich auf den Steinquader mit den unheilvollen Runen, lehnte sich an die Felswand und legte ein Bein hoch. Das schmerzte manchmal in der kalten Jahreszeit.
Trotzdem war er hierher gekommen. Natürlich.

Der Drache kroch aus seiner Höhle, richtete sich auf und zwinkerte.
"Nun, Mensch, was ist dein Begehr?" brüllte er mit markerschütternder Stimme und setzte flüsternd hinzu "sicher, dass dir niemand gefolgt ist?"

Der Held nickte. "ziemlich sicher, ja. Aber der Junge schlägt ganz nach seiner Mutter, vorwitzig und naseweis." Das sagte er ganz leise, und mit erhobener Stimme fuhr er fort: "Den Hort verlange ich und deinen Kopf!"

Daraufhin hängte er Schwert und Schild an eine sinnreiche Konstruktion aus Stöcken und Seilen, wo sie, vom Wind bewegt, sich aneinander stiessen und so Kampflärm vortäuschten.
Der Drache seinerseits stieß in unregelmässigen Abständen etwas Feuer aus und brüllte gelegentlich, während er Weinflaschen entkorkte und ein Tablett mit Häppchen aus der Höhle zog.

"Und, wie ist es dir ergangen im letzten Jahr?" fragte der Drache während er den Wein einschenkte.
"Könnte schlimmer sein, Alter. Aber trotzdem …"

Während Drache und Held sich der Vernichtung von Wein und Häppchen widmeten und sich gegenseitig das Leid alternder Heroen klagten, saß der Knappe eine Stunde entfernt am Waldrand und lauschte ehrfürchtig den Kampfgeräuschen.
Nächstes Jahr, schwor er sich, nächstes Jahr würde er mit in den Wald ziehen, und dem Reptil selbst entgegentreten.
Immerhin war er der jüngste Spross einer alten Heldenfamilie, und längst bereit in die Fußstapfen der Ahnen zu treten - mochte Mamma auch noch so dringlich auf Schulabschluss und Ausbildung beharren.

Drache 7 (Anders)

Es gibt Millionen Weg von heute nach dann. Dein Navi zeigt dir nur einen davon.

Alles ganz normal: Eine Lichtung im Wald. Ein Ritter, der sich nähert. Da die Höhle, darin ein Drache und ein Hort. davor ein Felsen mit einer schweren Kette, daran gefesselt … in kostbaren Gewändern … ein Diadem im güldenen Haar … und unrasiert?

"Was zum Teufel" murmelte der Ritter, steckte das Schwert in die Scheide und trat aus dem Unterholz.
"He, du!" rief er, "du … bist du die Königstochter?"

Die angekettete Person erhob sich, soweit die Fesseln das zuließen. "Gefühlt ja," sagte sie, "aber das ist nicht so einfach. Hübsch, dein Schild."

"Wie, nicht ganz einfach? Bist du nun die Königstochter oder nicht?"
"Mein Vater ist der König, wenn dir das weiterhilft. Und ich fühle mich als Tochter, auch, wenn in meinem Ausweis "Prinz" steht. Ok?"

Der Ritter dachte darüber nach.
Er war in Erwartung eines mächtigen Drachen, eines aufregenden Kampfes, eines furiosen Sieges, eines großen Hortes sowie einer liebreizenden Königstochter hierher gekommen, und nun … tja.
Obwohl, bei genauerem Hinsehen: Der Prinz sah gar nicht schlecht aus, und wenn er anständig rasiert wäre …

"Unfug!" rief der Ritter laut, um seine eigenen Gedanken zu übertönen.
"Du glaubst nicht, dass es sowas gibt?" fragte der … die Prinzessin fast weinerlich, und der Ritter beeilte sich, sie zu beruhigen.
"Doch, natürlich. Sowas kommt vor, sicher. Und ich finde das auch OK. Also, es stört mich nicht. Ehrlich nicht. Ähm."

"Das ist schön," flötete die … adelige Person. "Sag mal, Ritter …", sie kicherte verlegen , "hast du zufällig Rasierzeug dabei? Ich meine, ob du mir das ausleihen würdest, ich fühle mich so …"
"Kratzig?" fragte der Ritter mit kratziger Stimme. "Ja, sicher, Rasierzeug … habe ich … Moment, ja: Hier, bitte. Gern geschehen."

Er ging ein paar Schritte zu einer Quelle und füllte einen Becher, damit der … die … um Seife zu Schaum zu schlagen. Gar nicht einfach mit der Grammatik. Geht aber.

"Sag mal, Prinz…essin, wie kommt es, dass du hier angekettet bist? Ich meine, OK, Königstöchter, gut und schön, aber …"
Die Prinzessin blickte auf und sah rührend aus, mit dem zur Hälfte rasiertem Gesicht und Tränen in den Augen.
"Du machst doch einen Unterschied! Wie traurig. Hast du auch "richtige Königstochter" gedacht oder "echte Frau "?"

"Ähm. Weißt du, Prinzessin, ich … nun … ich habe da nicht nachgedacht, und … entschuldige. Bitte. Und hier, hier ist mein Handtuch, damit kannst du dir das Gesicht abtrocknen."

Die Prinzessin strahlte und sah noch viel viel rührender aus, sogar niedlich. Fand der Ritter, und diesmal dachte er nur "Unfug", um sie nicht noch einmal zu verschrecken.
Aber dann fragte er doch.
"Sag mal, Prinzessin - also - ich meine, wie geht das … das mit den Rittern. Männern. Also … Dingens …"

"Die meisten laufen weg, ein paar versuchen mich zu schlagen und einige wollen mir die Sache ausreden. Und … das meintest du nicht, oder?"
Der Ritter schüttelte den Kopf. "Nein. Aber warte: Wieso wollen dich Leute schlagen?"
"Sie denken, ich könnte ihre Söhne verführen, und davor haben sie Angst."
"Und? Verführst du Söhne?"
"Verführst du Töchter?"

Die Prinzessin sah dem Ritter tief in die Augen, und langsam antwortete er "Nur, wenn sie das wollen … sonst wäre es …" und sie sagte mit weicher Stimme "Eben. Warum fragst du also?"
Der Ritter hatte darauf keine Antwort und zudem war er sehr damit beschäftigt, der Prinzessin in die Augen zu sehen.
Abgrundtief …

"Setz dich doch zu mir, mein Held" sagte die Prinzessin und ließ seine Hand los - er bemerkte erst dadurch, dass er die ihre gehalten hatte. "Und lege diesen gräßlichen Harnisch ab, der ist ja ganz schmutzig - ich habe hier Stahlwolle und etwas Pril."

"Aber der Drache? Ich meine, der Kampf? Wegen …"
"Ja, der Drache - den hast du besiegt, mein Lieber. Ganz ohne dein Schwert zu zücken. Nach kurzem, aber hartem Kampf …"

"Und jetzt?"
"Jetzt musst du herausfinden, ob dir Drache, Kampf, Sieg und Hort genug sind. Und ob dir die Königstochter gefällt - alles ganz normal."

"Komisch," dachte der Held, "Komisch. Früher hätte ich nie daran gezweifelt, dass die Königstochter passt. Wie dumm ich war …"

Drache 8 (Freiheit)

freedom is just another word for "nothing left to loose". Janis Joplin.

Der Drache schaute interessiert auf die Königstochter. Die gerade ziemlich viel und ziemlich laut und - nach seiner Ansicht - ziemlichen Unfug gesprochen hatte.
Nun, immerhin: Sie hatte gesprochen, anstatt nur ausdauernd und fotogen zu weinen. Eine Abwechslung, und vielleicht …

"Du wartest also auf den Ritter, wenn ich das recht verstanden habe? Der dich befreien wird? Und drohst mir, dass der Ritter mich vernichten wird, weil … warum noch mal?"
"Weil du mich gefangen hältst, du … du Drache!"
"Und der Ritter befreit dich, ja?"
"Er tötet dich, verstanden? Und dann nimmt er mich mit, nach Hause. Und … "
"Entschuldige, Prinzessin, bitte noch einmal: Der Ritter erscheint, und tötet mich. So weit so gut. Und dann nimmt er dich mit nach Hause? Klar. Und was ist mit "Befreien"? Ich meine, das logische Wortpaar ist doch "gefangen und befreit", oder?"

Die Königstochter stampfte wütend mit dem Fuß, setzte eine überlegen sein sollende Miene auf und sprach: "Genau. Ganz genau. Er nimmt mich mit, nach Hause, und dann heiraten wir und …"
Sie erstarrte. Schluckte schwer und sprach viel leiser weiter.
"Was meinst du damit? Das ist doch alles richtig so, oder?"

Der Drache nickte bedächtig und mit sehr sanfter Stimme sagte er: "Ja, Prinzessin. Ganz richtig ist das. Für den Ritter, für den König und für alte Frauen, die ihren Enkeln Märchen vorlesen. Und für dich?
Möchtest du geheiratet werden, von einem Ritter, den du gar nicht kennst?"

"Aber … ich möchte befreit werden! Diese Kette ist doof, diese Lichtung ist eng, du bist ein Drache und ich möchte …"
"Einen Ehering, eine hübsche Kammer in einem Reihenendhaus, drei Kinder und einen Mann, der in die Welt hinaus geht und Drachen tötet?"
"Frei sein! Keine Ketten tragen! Tun, was ich will!"
"Ach? Also kein Reiheneckhaus und all das?"

Die Königstochter starrte ihn trotzig an, und der Drache beließ es dabei. Vorerst, jedenfalls.
"Denken muss sie schon alleine" dachte er, und bewies damit drachentypische Weisheit.
Außerdem näherte sich gerade ein Ritter.
Einer von der besonders beeindruckenden Sorte.

"He, Drache!" rief der Ritter und hielt ein Schwert von der Größe eines Paddels locker in der Hand, "Ich komme, um die Königstochter zu befreien! Komm heraus aus deiner Höhle, damit ich dir den Kopf abschlagen kann, du … ähm, du Drache!"

"Du hast deinen Text auswendig gelernt, oder?" murmelte der Drache. "Ich bin schon aus der Höhle heraus … aber naja. Irgendwas muss er ja brüllen, der Kerl."
Laut sagte er dann: "Und dann? Wenn du mir den Kopf abgeschlagen hast, was machst du dann?"
"Dann zerreiße ich die Ketten der Königstochter, zerschlage das Schloß und raube deinen Hort, das mache ich dann! Also, los!"
"Moment … und was machst du dann? Also nach Kettenzerreißen und Hortrauben? Ich frage bloß aus Interesse, und immerhin geht es ja um meinen Kopf."
"Dann führe ich die Königstochter heim und heirate sie und bekomme das halbe Königreich. Ist doch klar, oder? Und dann bin ich glücklich bis ans Ende meiner Tage. Also, wir. Wir sind dann glücklich."

Der Drache richtete sich langsam auf, was den Ritter nicht weiter beeindruckte. Aber nur Dialog, ohne nonverbale Kommunikation … ach was. Vergebliche Mühe bei so einem …

"Ah, gut. Glücklich bis ans Ende eurer Tage - und was ist dann Nachts? Und sag mal, hast du die Prinzessin schon mal angeschaut? Ich meine, wenn du sie heiraten willst?"
"Angeschaut? Wozu - es ist eine Königstochter, die sind immer liebreizend und so. Und das halbe Königreich dazu, was gibt es da zu überlegen?"

Mit diesen Worten hob der Ritter sein Schwert und setzte zu einem furchtbaren Schlag an. Und gleich darauf ließ er das Schwert sinken und wankte, stöhnte und fiel um.

"Ein guter Wurf, Prinzessin" kommentierte der Drache, "Sauber erwischt." Dabei betrachtete er den Stein, ein schweres, hartes Exemplar, dass den Ritter im Genick getroffen hatte. "Danke auch, Prinzessin."

"Und jetzt?" fragte die Königstochter, "was ist jetzt?"
"Jetzt … befreist du dich selber. Und dann bist du frei. Und kannst gehen, wohin du willst. Oder …"
"Oder …?"
"Oder bleiben" dachte der Drache. "Aber Denken musst du schon alleine."

"Es ist dein Leben" sagte er laut, und hoffte. "Ohne Ketten."

Drache 9 (Begegnung)

Manches kann man erwarten. Einfach, weil es immer so passiert. Unsere Erwartungen sind vorweggenommene Gewohnheit, also gewöhnlich.
Aber machmal muss man sich wundern.
Weil ein Wunder geschieht.

Der Drache wartete vor der Höhle, in der keine Königstochter angekettet weinte und kein Hort schimmernd glänzte. Er war neugierig, warum sich trotzdem ein Ritter näherte, wie die Raben berichtet hatten.
Ein wenig verärgert war er auch: Immerhin hatte er keinerlei Anlass gegeben für Heldentaten, und es schien ihm nicht richtig, trotzdem verfolgt zu werden.
Dieser Ritter sollte dafür wirklich einen guten Grund anführen können, sonst …
"Nun, OK, er wird so oder so geröstet werden." dachte der Drache, und weil es sinnlos war, in Zorn zu geraten, wenn das nicht wenigstens ein noch gräßlicheres Schicksal für den Herausforderer bedeutet, beruhigte er sich wieder.
So etwas fällt Drachen ziemlich leicht.

Die Neugier allerdings blieb, und steigerte sich noch, als der Ritter am Rande der Lichtung erschien. Irgendetwas war seltsam an diesem Exemplar …
"Hallo, Drache!" rief der Ritter mit einer Stimme, wie der Drache sie noch nie gehört hatte, und blieb einfach stehen.
"Ähm …." sagte er. Und sah noch genauer hin.
"Ähm … du bist eine Königstochter, oder?"

Der Ritter lachte, und es war ein Lachen, wie der Drache noch nie eines vernommen hatte: Darin war Lustigkeit zu hören, aber keine Häme, es klang hell und silberrein und …
"Nicht Königstochter, Drache. Ich bin Ritterin, klar?"
"Ritterin? Wie … ich meine, was … ähm …" stammelte der Drache verwirrt. Dann schüttelte er sich einmal, um dann diese Sache zu ergründen.

"Also gut, Ritterin. Und was, bitte, führt dich hier her?" fragte er. "Ich meine, ich habe keinen Hort und auch gar keine gefangene Königsto… keinen Königssohn, den du befreien könntest, und überhaupt, ich weiß ja gar nicht, wie mit Ritterinnen umzugehen ist."

"Oh, das macht nichts, Drache. Dass du keinen Königssohn hier hast, meine ich. Weil, diese Sache mit Heiraten nach Rettung, die halte ich für … zweifelhaft."
"Hmmm ... zweifelhaft?"
"Ich halte es nicht für eine ausreichende Qualifikation für eine Beziehung, wenn jemand einen Drachen tötet. Echt nicht. Vielleicht für eine One-Night-Stand, wenn man darauf steht, aber sonst?"

"Und wie steht es damit, wie man mit Ritterinnen umgeht, so als Drache? Darf ich dich grillen, wie einen Ritter? Oder was?"
"Grundsätzlich ja. Da musst du keinen Unterschied machen, Drache. Frauen sind gleichberechtigt, weißt du, und besonderer Umgang ist Diskriminierung. Nur … ob du mich grillen kannst, das ist eine ganz andere Frage."

Der Drache dachte darüber nach.
"Warum, meinst du, sollte ich Ritterinnen nicht grillen können?" fragte er, und überlegte zugleich, ob er das nicht einfach ausprobieren sollte.
"Weil ich dich nicht angreife, mein Guter - und deshalb genug Abstand halte. Ganz einfach, das siehst du doch."

Der Drache war erleichtert. Es bestand also kein Grund, an sich und seinen Fähigkeiten zu zweifeln, immerhin. Nur …
"Und warum bist du hier, Ritterin, wenn du mich nicht angreifen willst?"
"Oh, das ist einfach: Ich bin gekommen um dich zu besiegen. Nicht um dich zu bekämpfen. Klar?"

"Und wieso …" fragte er, aber da wusste er die Antwort schon. Die Ritterin lächelte sanft.
"Weil du es willst, Drache." sagte sie leise. "Und weil ich es kann."

Drache 10 (Höhenflug)

Zu guter Letzt: Es ist, was es ist. (Erich Fried)
Versteht nur nicht jeder.

"Nein Danke, ich muss nicht gerettet werden. Tschüss." Der Ritter blieb verblüfft stehen und sah zu, wie sie die Klauen des Drachen polierte. Schließlich wagte er, eine Frage zu stellen:
"Aber, ich meine … das Reptil hält dich doch gefangen und so?"

"Nein, Herr lästiger Ritter. Das tut der Drache nicht. Ich bin Drachenreiterin, und tschüss."
"Drachen. Reiter. In? Wie … also ich meine, ehrlich? Wie …"

Die Drachenreiterin unterbrach die Maniküre und stand auf. War ja klar. Der Blechmann starrte sich die Augen aus dem Kopf, als hätte er noch nie eine Frau gesehen. Tss.
"DrachenreiterIN, genau. Ich reite auf Drachen. Auf diesem hier, um genau zu sein. Er heißt Wuschel."

"Wuschel. Ach so. Ja. DrachenreiterIN … wie wird man das? Also, ohne das IN, versteht sich."
"Drachen besiegen, ohne Kampf. Einfach."
Die Drachenreiterin bürstete ein paar Schuppen auf Hochglanz.

"Und … und dann?"
"Dann ist man befreundet. Also, wenn es klappt."
"Und dann kann man ihn reiten? So richtig durch die Lüfte und über die Reiche und ihn lenken und Feuer speien lassen in feindlich…"
"Nein," unterbrach die Drachenreiterin harsch, "dann ist man befreundet. Und ehrlich mal: Tschüss. Viel Spass und ein schönes Leben noch."
Und der Drache richtete sich auf.

Drache und Reiterin sahen dem Ritter nach, wie er panisch durchs Unterholz stob. Dann sahen sie sich an, und die Drachenreiterin kraulte des Drachen Kehle.
"Diese Kerle … dich gegen Feinde Feuer speien lassen, was für Idioten."
"Wuschel … beinahe hätte ich gelacht, Herrin." sprach der Drache. "Magst du einen Ausflug?"

Sie nickte, und hüpfte hinauf an seinen Hals, schlang ihre Beine um ihn kletterte weiter, bis sie in seinem Nacken saß.
Der Drache breitete die Flügel aus und flog los, schwebte über den Baumwipfeln und glitt weiter über die Schneefelder, durchbrach die Wolken und endlich erreichten sie die höchsten Höhen, wo Sterne wie Regenbogen glänzen und Regentropfen Diamanten sind.
Für ein paar Augenblicke, und jeder dauerte eine Ewigkeit.

Später polierte die Drachenreiterin die restlichen seiner Klauen, und fragte so beiläufig wie neckisch "meinst du, Goldbronze steht dir als Klauenlack?"
Der Drache schnurrte dazu, und die Welt war schön.

Drache x (bonus track)

Ein zusätzliches Textstück, speziell für heldenhafte Helden.

Der Held hatte gesiegt. Endlich. Endgültig.
Blieb nur noch, den Sieg für die Ewigkeit zu sichern, die Pforte für immer zu verschließen, um in die Geschichtsbücher einzugehen.

Der Held, der die Drachen für immer gebannt hat. Nicht einen besiegt oder zwei, sondern alle, alle zukünftigen Drachen besiegt, alle Königstöchter gerettet, alle Not vertrieben.

Nur dieses geweihte … Ding aus Holz und Gold musste er noch in die passende Öffnung einsetzen, dann wäre die Pforte verschlossen, und keine Macht der Welt wäre imstande, sie erneut zu öffnen.
Der größte Triumph.

"Glaubst du das wirklich?" fragte eine Stimme. Eine Drachenstimme. Verdammt.
Der Held sah sich um, das Schwert in der Hand.
"Glaubst du, das goldene Zeitalter bricht an, wenn die Pforte versiegelt ist? Wirklich?"

Woher die Stimme erklang konnte der Held nicht feststellen. Es schien, als spräche ein Echo, ein Widerhall ohne Ursprung zu ihm.

"Du würdest zurückkehren, als Sieger - aber zurück in eine Welt, die keine Helden mehr braucht, weil kein Drache mehr droht."

Der Held bemühte sich um eine Antwort, um eine heldenhafte Replik, eine Erwiderung, die zukünftige Generationen zitieren würden, aber letztendlich brachte er nur ein Räuspern hervor, und ein leises "Ähm".

"Und denkst du, deine Königstöchter laufen dir weiterhin nach, wenn es keine Drachen mehr gibt? Einem Mann, der nichts rechtes gelernt hat? Außer, zugegeben, Drachen zu erlegen. Na?"

"Wer bist du?" flüsterte der Held, "und warum kann ich dich nicht sehen?"

"Und künftige Generationen würden deiner fluchen, ohne eine Chance, sich als Held zu beweisen. So wie du dich beweisen konntest - was wärst du heute, ohne die Drachen? Ein Buchhalter?"

Der Held ließ das Schwert sinken und starrte auf die Aussparung in der Pforte, die auf das geweihte Siegel wartete.

"Dachtest du wirklich, es wäre so einfach?" stichelte die Drachenstimme. "Noch ein Echsenwesen, etwas größer als die bisherigen vielleicht, na gut - aber als Endboss?"

"Wer bist du?" rief der Held, und "verflucht, zeige dich!"

"Ich zeige dir die Zukunft, mein Held. Die Zukunft ohne mich, die Zukunft, von der du träumst. Reicht dir das nicht?"

"Ich will kämpfen! Also, zeige dich, damit wir das hinter uns bringen. Endboss … verfluchter."

"Hier", sagte die Stimme. "Hinter dir."
Und der Held wirbelte herum, das Schwert gezückt und sah in einen Spiegel.

Klappe!

Dieses eBook ist vollständig auf einem Apple iPad mini 4 mit der Text-App Ulysses zusammengebastelt worden.

Das Bild stammt von Rilyn, und sämtliche Rechte daran liegen bei ihr. (Genauer)
Das eBook steht ansonsten unter der dwtfyw-Lizenz (do what the Fuck you want), was bedeutet, dass du das Teil beliebig verwenden kannst, Drucken, Verschenken, Lesen, oder was dir einfällt.
Unberührt davon bleibt mein Urheberrecht.

Lob und Danksagungen nehme ich persönlich, per Mail oder via Paypal gerne entgegen, Meckereien ausschließlich per Einschreiben mit Rückschein, versichert.
Dazwischen gibt es theoretisch diese "konstruktive Kritik", von der alle reden - das geht dann auch per Mail.
Auf der Webseite Uli-Moll.de findet man weitere Werke des Autors.
Auf Wunsch können eBooks mit Widmungen versehen werden.

Sonst noch was?
Ach ja: Alle Inhalte basieren ausschließlich auf meiner blühenden Phantasie, Ähnlichkeiten mit wirklichen Personen oder Geschehnissen sind absolut zufällig und unbeabsichtigt.

Danksagung:

Dass es diese Geschichten gibt ist Martina und Bastian zu verdanken, die die Idee des Drachen am Leben gehalten haben. Und ihn dann auch noch besiegen konnten, ohne irgendwelche Schwerter. Schön.

Die Veröffentlichung als eBook habe ich nur gewagt, weil Beate darauf gedrängt hat - für eine Printversion (die ihr lieber gewesen wäre) reichen halt die Mittel nicht, sorry.

Das Coverbild hat Rilyn aus ihrem Fundus gefischt und nachbearbeitet, und das macht die Sache erst richtig rund. Finde ich.